Windkraft auf hoher See – Offshore Anlagen und
ihre Nebenwirkungen
Rolf Hinrichs - Die Windkraft ist eine der
wichtigsten erneuerbaren Energien, kaum ein Landstrich in Deutschland hat noch
keine der markanten Windräder. Vor den Küsten werden in Nord- und Ostsee immer
mehr sogenannte Offshore Windkraftanlagen errichtet, fast tausend Turbinen
waren 2016 bereits in Betrieb.
Rolf Hinrichs - So erstrebenswert die
sogenannte Energiewende auch sein mag, der Bau, der Betrieb und letztendlich
auch die Wartung dieser Anlagen werfen Fragen auf, denn die Auswirkungen von
Offshore-Windparks auf die Meeresnatur und -umwelt sind noch nicht gänzlich
erforscht:
Rolf Hinrichs - Wie reagieren See- oder
Zugvögel auf die teils mehr als 150m hoch aufragenden Anlagen, was tut sich am
Meeresboden und wie störend nehmen Wale und Fische den Baulärm eigentlich wahr?
Der unter Artenschutz
stehende Schweinswal, der „Flipper“ der Nordsee, bevorzugt als Lebensraum
ruhige Küstenbereiche von etwa 20 Metern Tiefe. In der südlichen Nordsee und
damit auch im Einzugsbereich und Baugebiet dänischer und deutscher
Offshore-Windkraftanlagen liegt die Kinderstube der Schweinswale, von denen es
noch etwa dreihunderttausend Stück gibt.
Beim Bau von
Windkraftanlagen werden für jedes Windrad vier gigantische Stahlrohre etwa 50
Meter tief mit einem speziellen Hammer in den Meeresboden gerammt. Sie bilden
das notwendige stabile Fundament einer Anlage. Rolf Hinrichs - Dieser Rammvorgang dauert
Stunden oder Tage, und es sind zwischen zehn- und zwanzigtausend
„Hammerschläge“ pro Fundament nötig. Dabei entsteht unter Wasser bei jedem
Schlag ein enormer Lärm, der sich in einem weiten Radius rund um die Baustelle
ausbreitet.
Wie Fledermäuse navigieren
und jagen Schweinswale mittels hochsensibler Echolokation: sie „hören“
Hindernisse oder Beutetiere. Rolf Hinrichs - Es ist also kaum verwunderlich, dass Schweinswale
mit ihrem feinen Gehör die Flucht ergreifen, wenn ihr Lebensraum plötzlich zur
Baustelle wird. Untersuchungen haben gezeigt, dass die intelligenten
Meeressäuger die Baustelle einer Offshore Windkraftanlage in einem Umkreis von
bis zu zwanzig Kilometern meiden.
Und das aus gutem Grund, denn der sogenannte
Rammschall kann das empfindliche Gehör der Tümmler vorübergehend schädigen oder
die Tiere sogar ernsthaft verletzen. Für das betroffene Tier kann das
schwerwiegende Folgen haben, denn schwerhörige oder gar taube Wale haben
massive Probleme bei der Nahrungssuche und der Fortbewegung. Nicht zuletzt
beeinträchtigt der Lärm auch die Kommunikation der Wale untereinander. Aber
nicht nur die Braunen Tümmler, sondern auch Seehunde, Kegelrobben und Fische
sind von dem Rammschall während der Bauarbeiten an einer Offshore Anlage
betroffen.
Rolf Hinrichs - Um diese Lärmbelastung zu
verringern und den strengen Genehmigungsauflagen für Offshore Windparks zu
genügen werden immer neue Techniken zum Schallschutz während der Bauphasen
entwickelt.
Rolf Hinrichs - Beobachtungen in dänischen
Windparks weisen aber erfreulicherweise darauf hin, dass sich die Schweinswale
vom Baulärm nicht vollständig vergrämen lassen, sie kehren offenbar in ihre
angestammten Gebiete zurück. Auch Fische sehen die Unterwasserbaustellen
relativ gelassen, sobald sich der größteAufruhr gelegt hat, sie profitieren
sogar davon.
Um eine Erosion des Meeresbodens rund um die Windradfundamente zu
verhindern werden diese oft mit großen Steinen oder anderem schwerem Material
eingefasst. Dadurch und durch die Auswahl besonders geeigneten Materials bilden
sich künstliche kleine Riffe, die vielen Kleinlebewesen wie Muscheln,
Seeanemonen und Krebsen besonders gute Lebensbedingungen bieten. Rolf Hinrichs - Größere
Fischarten, die in den künstlichen Riffen reiche Nahrung und optimale
Vermehrungsbedingungen vorfinden, lassen dann nicht lange auf sich warten. Da
innerhalb der Offshore Windparks ein Fischereiverbot herrscht, können sich die
Bestände von Fischen und Weichtieren dort gut erholen. Rolf Hinrichs - Muscheln und Anemonen,
die anderswo durch die Schleppnetzfischerei beschädigt werden, finden hier
ungestörte Lebensmöglichkeiten.
Von den Befürwortern der
erneuerbaren Energien wird oft übersehen, dass die von den Windkraftanlagen
erzeugte Energie auch transportiert werden muss. Die Stromkabel, die von den
Offshore Anlagen wegführen, erzeugen während des Betriebs nicht nur Wärme,
sondern auch elektromagnetische Felder am Meeresboden. Rolf Hinrichs - Untersuchungen in
Großbritannien ergaben, dass diese elektromagnetischen Felder das Jagdverhalten
und die Orientierung von Fischen wie Haien und Rochen beeinflussen können. Auch
Aale werden auf ihrer Wanderung zu den Flussmündungen vom rechten Weg
abgebracht. An dieser Thematik und den konkreten Zusammenhängen wird zur Zeit
allerdings noch geforscht.
Die Nutzung erneuerbarer
Energien hat aber nicht nur unter, sondern auch über Wasser Auswirkungen, denn
die Offshore Windparks in Nord- und Ostsee liegen im Zentrum einer gigantischen
Flugreiseroute: Zweimal jährlich überqueren Millionen und Abermillionen von
Vögeln das Meer, um von ihren Brutgebieten in ihre Winterquartiere und zurück
zu gelangen. Umweltschützer befürchten nicht nur, dass ungünstig geplante
Offshore Windkraftanlagen Barrieren darstellen könnten, die den Vögeln ihre
Flugrouten versperren. Auch das Risiko des Vogelschlags wird vor allem in der
Öffentlichkeit heftig und kontrovers diskutiert, nicht zuletzt weil aufmerksame
Spaziergänger immer wieder tote Vögel auffinden, die unter einer
Windkraftanlage liegen.
Bei den Zugvögeln
unterscheidet man sogenannte Tagzieher und Nachtzieher. Tagzieher sind
Vogelarten, die auf dem Wasser landen können, wie z.B. Enten und Gänse. Nachts
oder wenn es einen Schlechtwettereinbruch gibt, lassen sie sich auf dem Wasser
nieder, bei guter Sicht und tagsüber umfliegen sie Beobachtungen zufolge die
Offshore Windkraftanlagen. Landvögel wie Drosseln und Finken können dagegen
nicht auf dem Wasser landen, sie müssen das Meer non stop überqueren.
Rolf Hinrichs - Bei gutem
Wetter fliegen sie in einer Flughöhe, die deutlich über den Turbinen liegt und
sind nicht gefährdet, aber bei schlechtem Wetter, Nebel oder Regen, fliegen sie
tiefer und können dadurch tatsächlich in die Windräder geraten. Eine geeignete
Beleuchtung oder auch einfach im Bedarfsfall eine vorübergehende Abschaltung
der gesamten Anlage könnte dem vorbeugen, empfehlen Experten.
Eine zu starke
Beleuchtung wiederum kann dazu führen, dass die Landvögel beim nächtlichen Zug
über das offene Meer abgelenkt werden und versehentlich in die Anlage
hineinfliegen. Experten raten daher dazu, die Beleuchtung der Anlagen während
der Zeiten des Vogelfluges entsprechend anzupassen. Aufwändige Untersuchungen
mit Radar und Infrarotkameras in dänischen und schwedischen Windparks haben
gezeigt, dass Zugvögel tags und nachts im Allgemeinen gut auf die Anlagen
reagieren und ihnen ausweichen und es kaum zu Kollisionen kommt.
Rolf Hinrichs - Vogelforscher empfehlen
dennoch, Offshore Windkraftanlagen möglichst abseits von Zugrouten und weit
entfernt von der Küste zu bauen.
Das Meer ist aber nicht
nur Flugroute, sondern auch ein Lebensraum für spezialisierte Wasservögel.
Fachleute sprechen vom Habitat. Der Bau und der Betrieb von Anlagen zur
Gewinnung von Strom aus erneuerbaren Energien kann diesen Lebensraum in der Tat
sehr empfindlich stören. Zwar gibt es einige Arten, die sich von einer Offshore
Anlage im feuchten Wohnzimmer nicht besonders beeindrucken lassen. Rolf Hinrichs - Insbesondere
Enten scheinen sich mit den grossen Turbinen anfreunden zu können, wenn der Bau
erst einmal abgeschlossen ist: In schwedischen Windparks zeigte sich die
Eisentenpopulation ungestört, in Dänemark blieben die Eiderenten ihrem Wohnort
treu.
Andere Vogelarten jedoch
meiden die Gebiete rund um die Offshore Anlagen weiträumig und verlieren damit
große Bereiche ihres Lebensraumes: Seetaucher, Basstölpel, Trauerente, Tordalk
und Trottellumme beispielsweise entfernen sich bis zu vier Kilometer weit vom
bebauten Bereich.
Rolf Hinrichs - Möwen dagegen scheinen
Opportunisten zu sein, was Windkraftanlagen angeht; Mantelmöwen, Zwergmöwen,
Fluss- und Küstenseeschwalben sind in der Region rund um die Turbinen sogar häufiger
anzutreffen als vor dem Bau.
Mehr als zwei Drittel des
gesamten Seetaucherbestandes der deutschen Nordsee sammeln sich jedes Frühjahr
in der Deutschen Bucht im Bereich des Sylter Außenriffs. Rolf Hinrichs - Um zu verhindern, dass
die Nutzung erneuerbarer Energien dort zu einem noch größeren Lebensraumverlust
führt als schon gegeben und um die beiden Seetaucherarten nicht zu gefährden
wird es in diesem Gebiet wohl keine Baugenehmigungen für weiteren Offshore
Anlagen mehr geben.
Interessanterweise sind
die Beobachtungen bei manchen Vogelarten auch uneinheitlich. So legen Kormorane
eine unterschiedliche Herangehensweise an Windkraftanlagen den Tag, je nachdem
ob sie sich auf längeren Reisen befinden oder nicht.
Beruhigend ist eine
Studie, die von der schottischen Regierung beauftragt wurde und der zufolge 99%
aller Seevögel einer Windkraftanlage ausweichen, um eine Kollision zu
vermeiden.
Rolf Hinrichs - Viele Bürger befürworten
den Bau von Offshore Windkraftanlagen, weil sie weit draußen auf dem Meer ja
scheinbar niemandem schaden können. Aber auch wenn der Mensch das Meer auf den
ersten Blick als öde und leer empfindet: es ist Lebensraum für viele Tierarten
in und über dem Wasser und jede davon muss sich mit der Technik und den Folgen
auseinandersetzen, die unser Hunger nach Energie mit sich bringt.